Was genau meint Marx mit "Charaktermaske"? Ist es bei den herrschenden Produktionsverhältnissen möglich, die Charaktermaske abzulegen? (z.B. außerhalb des Produktionszusammenhangs?)
Montag 10. November 2008 von Redaktion
Übersicht
Sabine Nuss, Anne Steckner, Ingo Stützle
Charaktermaske bedeutet, dass im Kapitalismus die Menschen, weil sie über Warentausch miteinander in Beziehung treten, nicht einfach ausgehend von ihren individuellen, unmittelbaren und spontanen Bedürfnissen und Interessen handeln, sondern sich immer schon in vorgegebenen Rollen befinden, die ein bestimmtes Handeln als besonders rational belohnen: Der Kapitalist muss bei Strafe des Untergangs sein Kapital profitmaximierend verwerten, er muss gegen andere Kapitalisten konkurrieren und seine Waren erfolgreich über den Markt absetzen. Als Individuum kann er die Rolle "Kapitalist" zwar unterschiedlich ausfüllen, aus ihr aber nicht ausbrechen. Der lohnabhängige Arbeiter indes muss seine Ware Arbeitskraft möglichst vorteilhaft verkaufen, gegen andere Arbeiter konkurrieren und sich den diktierten Bedingungen am Arbeitsplatz beugen. Wichtig ist, dass es bei der Marxschen Analyse nicht um eine Kritik an den persönlichen Motiven der einzelnen Menschen geht, sondern um die Handlungsweisen und Strukturbedingungen, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnend sind. Marx dazu: die handelnden Akteure - Käufer und Verkäufer von Waren auf dem Markt - sind "nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse, als deren Träger sie sich gegenübertreten."
Vgl. hierzu auch das Vorwort zur 1. Auflage des Ersten Bandes, wo Marx einleitend schreibt: "Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag." Da die Charaktermaske nichts Physisches ist sondern ein soziales Verhältnis ausdrückt, kann man sie auch nicht ablegen wie eine echte Maske. Die Frage aber, welche Spielräume die sozialen Rollen ("Masken") für die in ihnen Handelnden eröffnen, ist eine sehr grundsätzliche zu dem Verhältnis von Struktur und Akteur und wird in den marxistisch inspirierten Sozialwissenschaften unterschiedlich beantwortet. Marx tendierte zu der Auffassung, dass man sich über die kapitalistischen Verhältnisse nur sehr begrenzt erheben könne und es daher ratsam sei, die Strukturen selbst abzuschaffen, so man die Charaktermasken ablegen und in unmittelbaren (nicht warenvermittelten) Austausch miteinander treten wolle.
Alex Demirović
Marx spricht zu Beginn des 2. Kapitels „Der Austauschprozeß“ davon, daß die „ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten“ (MEW 23, Kapital I, 100). Diese Stelle ist die prägnante Zusammenfassung des voranstehenden Arguments, daß die Dinge als Waren aufeinander nur bezogen werden können, wenn die Individuen sich als Warenbesitzer den Waren unterwerfen, sich also wechselseitig als Privateigentümer anerkennen: das ökonomische Verhältnis nimmt die Form eines Rechtsverhältnisses an, das als ein solches ein Willensverhältnis ist. Anerkennungsverhältnisse sind demnach untergeordnete oder abgeleitete Verhältnisse. Die Individuen werden zu Repräsentanten von Waren. Insofern spricht Marx von diesen Personen als Charaktermasken und davon, daß sie Personifikation der ökonomischen Verhältnisse sind. „Charaktermaske“ wurde oftmals politisch-normativ verstanden im Sinne von: jemand ist nur eine Charaktermaske. Dies kann verstanden werden als der Vorwurf, daß jemand nur noch eine ökonomische Funktion verkörpere, nichts an Individualität, Subjektivität oder Persönlichkeit übrig geblieben sei. Kritiker von Marx werfen diesem deswegen vor, er entmenschliche die Verhältnisse, sehe in den Vertretern des Kapitals nur noch Charaktermasken und schaffe damit die entmoralisierende Grundlage dafür, Menschen zu terrorisieren. Das aber hieße: sie verantwortlich machen, den Begriff der Charaktermaske als eine negative moralische Kategorie zu verstehen.
Ich meine, daß Marx‘ Überlegung eher in eine andere Richtung geht. Denn in einer ähnlich lautenden Formulierung auf S. 16 (MEW 23) heißt es: Bei den Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer handele es sich um „Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ Wenn die Individuen also ökonomischen Kategorien die Gestalt und Form einer Person geben, sind sie als einzelne nicht für die Verhältnisse verantwortlich, sondern deren Geschöpf. Marx betont dies so nachdrücklich offensichtlich, um moralisierende und voluntaristische Mißverständnisse auszuräumen: Die Verhältnisse werden nicht dadurch geändert, daß man eine Person mit Gewalt aus dem Wege räumt oder versucht, an es moralisch zu appellieren. Diese Verhältnisse sind nicht das Ergebnis einer Willens-, einer moralischen Entscheidung oder individueller psychologischer Eigenschaften (wie neuerdings die Finanzmarktkrise aus der Gier der Manager abgeleitet wird). Die Menschen handeln zwar frei, aber historisch bislang noch nicht unter selbstgewählten Verhältnissen. Deswegen nimmt die Freiheit eine spezifische Form an, die Freiheit einer kleinen Gruppe von Produktionsmittelbesitzern.
Marx deutet auf dieser Grundlage dann im weiteren eine Theorie des Subjekts an. Erst unter modernen kapitalistischen Verhältnissen können die Individuen sich als freie Individuen begreifen, die sich wechselseitig als Eigentümer anerkennen, die jeweils einen Willen haben. In früheren Produktionsweisen bestanden persönliche Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse. Es handelt sich um die direkte Unterwerfung unter diejenigen, die die Arbeit in ihrer Naturalform aneignen – nicht um gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen (92). Auf der neuen, kapitalistischen Stufe von Klassenverhältnissen ist das Individuum einer abstrakten, sachlichen Autorität unterworfen: abstrakten Gesetzen, Formen der Disziplin, Regierungstechniken der Menschenführung (wie dies im Anschluß an Marx insbesondere Gramsci und Foucault gezeigt haben). Dieser Form von Autorität entspricht ein „Kultus des abstrakten Menschen“ (93), der formelle Freiheit genießt und individuelle Neigungen und Bedürfnisse überhaupt ausbilden kann. So verstanden hat Marx also die Vorstellung, daß nur unter kapitalistischen Bedingungen Individuen zu Personifikationen und Charaktermasken gesellschaftlicher Verhältnisse werden.
Es könnte aus einer moralphilosophischen Sicht angenommen werden, daß Marx nahelegen will, die Menschen sollten keine Charaktermasken sein. Damit wäre seine Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise eine moralische Kritik: der Kapitalismus entmenschlicht die Individuen. Sie sind nur Charaktermasken, nicht wirklich Subjekte; sie können keine Menschen sein – ein humanistisches Argument, wie es sich bei Mozart oder Beethoven findet. Dieses Argument ist im Prinzip eine Umkehrung des Vorwurfs der Entmenschlichung. Der Kapitalismus ist ein System, das alle Individuen ihrer moralischen Freiheit beraubt und sie auf funktionale Rollen reduziert. Die Systemtheorie hat diese Sicht dann moralfrei vertreten: für die Moderne ist es charakteristisch, daß Individuen lernen, die von den Funktionssystemen ausdifferenzierten Rollen jeweils wahrzunehmen: also Kunde, PartnerIn einer Intimbeziehung, Studierender – in allen diesen Rollen folgen die Individuen anderen Handlungskriterien: an der Kasse des Supermarkts erwartet man keine Liebe, das Verhältnis zur wissenschaftlichen Wahrheit kann keine Kundenbeziehung sein. Mit dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann zu sprechen: Personen wären nichts anderes als Adressen im System, eine Substanz des Individuums hinter all den Rollen gibt es nicht. Wenn die Individuen nicht funktionieren, fallen sie heraus. Entsprechend ist dann auch eines der Verteidigungsargumente von Herrschenden: daß sie gar keinen Handlungsspielraum hatten und eben tun mussten, was von ihnen verlangt wurde; jeder andere oder genügend andere hätten an ihrer Stelle auch so gehandelt, und hätten sie selbst nicht so gehandelt, wären sie ersetzt worden durch solche, die alles noch viel schlechter gemacht hätten. Der kapitalistische Produktions- und Reproduktionszusammenhang erscheint als ein System, in dem sich Sachzwänge vollziehen.
Eine Kritik dieser Art zielt auf das System als Ganzes, als ein Zusammenhang von Sachzwängen, die als sachlich vermittelte Zwänge, für niemand haftbar zu machen ist, unmenschlich sind. Moralisch kann daraus die Forderung folgen, sich zu verweigern. Niemand soll mehr mitmachen: Stell Dir vor, es ist Kapitalismus, und keiner geht hin! Individuen sollen sich in einem moralischen Akt solchen Funktionen verweigern und sich den Anforderungen des Systems entziehen. Herbert Marcuse propagierte entsprechend die „große Verweigerung“. Unterstellt wird, daß es möglich wäre, durch eine individuelle Entscheidung und gemeinsam mit anderen die Charaktermaske abzulegen. Diese Individuen sind dann keine Charaktermasken, keine Personifikationen mehr, sondern entdecken den wahren Menschen in sich. Diese Strategie hat eine Schwäche, auf die Marx schon hingewiesen hat: die Individuen müssen sich reproduzieren, und um dies tun zu können, müssen sie sich in die Verhältnisse einfügen. Nur die wenigsten haben Ressourcen, die es ihnen für wenige Tage oder Wochen ermöglichen würde, sich dem Zwang zur Arbeit zu entziehen. Die Reproduktion der Individuen wiederum trägt zur Reproduktion, zur Erhaltung der kapitalistischen Verhältnisse bei. Nicht nur, aber auch deswegen war Marx der Ansicht, daß die Befreiung vor allem von denen ausgehen muss, die im Zentrum des kapitalistischen Ausbeutungszusammenhangs stehen, die ArbeiterInnen; und die Emanzipation besteht nicht in der Verweigerung, sondern in der Aneignung des Produktionsprozesses und der Reproduktion des gesellschaftlichen Zusammenhangs selbst, also in der Aneignung der Gesellschaftlichkeit des tätigen Zusammenhangs der Individuen. Allerdings spielt auch die Verweigerung als ein Moment des Bruchs, als ein Moment der Kritik an den Zwänge der Arbeit, Leistung, der Disziplinierung, der Privatisierung, der Kritik am Arbeitsregime, an der Existenz von Klassen, selbst eine zentrale Rolle, weil sonst die Emanzipation von der Existenz als Klasse nicht möglich ist.
Ich meine, daß Marx hier keine moralischen Gesichtspunkte in Anspruch nimmt, sondern eher derart argumentiert, daß moralische Gesichtspunkte – also solche des Handelns, das auf einen freien Willen und auf individuelle Verantwortung zurückzuführen wäre – keine Bedeutung haben. Er betrachte die Personen „nur, soweit sie Personifikation ökonomischer Kategorien …“ sind. Es geht darum, die Logik des Handelns der Individuen zu begreifen. Die gesellschaftlichen Prozesse sind nicht das Ergebnis von individuellen Willensentscheidungen. Aber sie sind auch nicht nur passive Opfer. Die Charaktermaske wird von Marx als Personifikation bestimmt. Dies gibt seiner Überlegung einen aktiven Akzent: die Individuen werden in und durch die Verhältnisse, unter denen sie leben, zu bestimmten Personen gemacht. Auf diese Weise werden sie zu Träger von Verhältnissen, aber nicht von irgendwelchen Verhältnissen, sondern von Klassenverhältnissen. Die Personen tragen aktiv die Verhältnisse und reproduzieren sie durch ihr Handeln. Würden die Verhältnisse von Personen nicht getragen, gäbe es sie nicht. Aber es sind nicht die Einzelnen, sondern um die Personen als Angehörige von Klassen. Sie handeln nach bestimmten kollektiven Gesichtspunkten: sie denken und sprechen miteinander, entwickeln tägliche Gewohnheiten, bilden Erwartungen aus über den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung oder ihre Rechte und treffen in diesen kollektiven Zusammenhängen Entscheidungen. Sie entwickeln Dispositionen, das Kommando über andere Menschen auszuüben, schaffen sich Gründe dafür, warum sie Herrschaft ausüben und den gesellschaftlichen Reichtum aneignen und zu ihrer Verteidigung Gewalt einsetzen dürfen. Das alles sind immer kollektive Praktiken, also konkrete Verhältnisse, unter denen bestimmte Individuen als Kollektiv leben. Diese kollektive Praxis – eine Klassenpraxis - kann geändert werden. Das Ziel von Marx ist nicht – das sage ich gegen ein humanistisches Verständnis der Theorie von Marx -, daß am Ende unter der Charaktermaske der wahre Mensch gefunden wird. Charaktermaske und Personifikation ökonomischer Kategorien zu sein ist eine historische Gestalt des Individuums – des modernen, kapitalistischen Individuums, das sich aufspaltet in das Individuum, das rechtlich und moralisch für all sein Handeln verantwortlich sein soll, es aber gleichzeitig gar nicht sein kann, weil es nur eine Funktion ausübt. Weil es eine historische Gestalt ist und als Individuum mit einer bestimmten Subjektfunktion ein Ergebnis der sozialen Kämpfe, geht es Marx auch um eine Überwindung dieser Form des Subjekts geht. Doch ist damit nicht die Wiederherstellung einer früheren historischen Form des Subjekts gemeint, vielmehr geht es um die Schaffung von gesellschaftlichen Verhältnissen, die von den Individuen in der Kooperation mit allen anderen gemeinsam hergestellt und verwaltet werden können. Da es das, was wir heute Ökonomie nennen, nicht mehr gäbe; weil es auch keine Klassen mehr gäbe, wären die Individuen auch nicht mehr länger auf Kollektivmerkmale reduziert, sondern hätten die Möglichkeit, ihren jeweiligen Bedürfnissen nach sich in aller Freiheit zu differenzieren und zu assoziieren.
Klaus Peter Kisker
Marx analysiert das Kapital und nicht die Unternehmer. Heute würde er vermutlich schreiben, die Unternehmer oder Manager sind Funktionäre, sie müssen der kapitalistischen Logik folgen. Tun sie das nicht, gehen sie Pleite oder sie werden entlassen.